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Robert Riegler Bass Doublings

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Rosenrot The Music of Werner Pirchner#

 

 

 Robert Riegler und Rosenrot: Die Saat geht auf
 
Jetzt, da sie nicht mehr da sind, wird offensichtlich, wie zahlreich und vielgestaltig die Spuren sind, die sie hin-terlassen haben. Werner Pirchner und Harry Pepl, die beiden kernigen Originale der österreichischen Musik¬szene, sie haben nicht nur durch ihre Musik – gemeinsam vor allem im berühmten „Jazz-Zwio“ - Bleibendes geschaffen. Beide, der im August 2001 verstorbene Tiroler Vibrafonist und Komponist, und der Wiener Gitar¬rist, der ihm im Dezember 2005 nachgefolgt ist, haben auf die nachfolgende Jazzer-Generation auch direkt, als Impulsgeber, Gesprächs- und Spielpartner, als Ermutiger eingewirkt. Vielleicht wäre auch der Weg Robert Rieglers ein anderer gewesen, wäre er in den 80er-Jahren nicht Harry Pepl und Werner Pirchner begegnet. Harry Pepl war es, der Riegler, das schräge steirische Bassisten-Unikat, das sich mit der Ausnahme Jaco Pastorius’ kaum je für Fachkollegen interessiert hat, stattdessen lieber Glenn Gould lauschte und Bach-Violin-Partiten auf dem E-Bass intonierte, schon während dessen Zeit an der damaligen Grazer Musikhochschule großes Talent attestierte und nach Kräften förderte - und ihn im März 1988 als Substitut für Mike Richmond ins legendäre, gemeinsam mit Wolfgang Puschnig und  Wolfgang Reisinger betriebene Quartett „Air Mail“, berief. Und es war Werner Pirchner, der den damals 22-jährigen Anfang 1986, ein Jahr nach der Auflösung des „Jazz-Zwio“, als Duo-Partner erwählte.
Robert Riegler hat die erste Begegnung in Pirchners Haus in Thaur nahe Hall in Tirol noch gut in Erinnerung. Nervös sei er gewesen, trat er doch auf gewisse Weise in die Fußstapfen von Harry Pepl selbst. Die Stücke hätten ihn, den jungen Bassistenschnellfinger, durchaus ins Schwitzen gebracht, und Werner Pirchner, der schwer zufrieden zu stellende Perfektionist, habe die Ergebnisse dieser ersten Probe denn auch als noch ungenügend taxiert. Man habe weiter gearbeitet und schließlich eine Handvoll denkwürdiger Konzerte gegeben, unter ande¬rem am 29. Juni 1986 im Ostberliner Friedrichstadtpalast („Jazzbühne Berlin ’86“), im Wiener Akademietheater, und zuletzt, am 13. März 1988, im Rahmen des „Deutschen Jazzfestivals“ in Frankfurt am Main, wo sich nie¬mand anderer als Albert Mangelsdorff den beiden Österreichern beigesellte. Die Konzerte haben sich tief in Robert Rieglers Gedächtnis eingegraben, noch heute sprudeln aus seinem Mund nicht nur die sich um selbige rankenden Anekdoten, sondern auch die Erinnerungen an die so empfangenen musikalischen Eindrücke.
„Seine Lieder haben mich geprägt, sie bieten so viel Freiraum zum Improvisieren - so musst du erst einmal kom-ponieren können. Und ich habe gelernt, dass Musik politisch sein kann“, so resümiert Robert Riegler den Ein¬fluss Pirchners, der seit dem „Halben Doppelalbum“ von 1973 als kritischer Querdenker galt. Und: „Ohne Pirchner hätte ich in Wien einen schlechteren Start gehabt. Pirchner hat mir eine Chance gegeben, und ich denke, ich habe sie genützt.“
Werner Pirchner blieb in Robert Rieglers Kopf präsent. Obwohl der Vibrafonist nach jenem Frankfurter Konzert, frustriert ob des geringen Einkommens als Instrumentalist, die Schlägel für immer aus der Hand legte und sich ausschließlich dem Komponieren widmete. Und obwohl der Kontakt zwischen ihm und dem Bassisten, der Hö¬hen und  Tiefen durchlebte, schließlich in Mathias Rüeggs „Vienna Art Orchestra“ berufen wurde und sich in der österreichischen Jazzszene etablierte, in den folgenden Jahren spärlich war. Einem geplanten Krankenbesuch Rieglers kam Pirchners Tod zuvor. Es sollte nicht das Ende der Beziehung sein. Der Wunsch, etwas von dem, was er von Werner Pirchner empfangen hatte, zurück zu geben, weiter zu geben, blieb in Robert Riegler virulent. Und konnte auch nicht im 2005 formierten Christian-Muthspiel-Trio befriedigt werden, das nach dem Vorbild des letzten Konzert Pirchners mit Vibrafon, Bass und Posaune besetzt wurde und dessen Hommage an Pirchner und Harry Pepl 2007 auf CD („Against The Wind“) erschien: Riegler, ursprünglich als Bassist des Trios vorge¬sehen, kam die von Steve Bailey initiierte „Solo Bass Competition“ in Myrtle Beach, South Carolina, in die Quere, wo er als einziger Europäer unter vier Finalisten geladen war. Schon zuvor allerdings war das Band mit jenem Probenmitschnitt wieder aufgetaucht, das die erste klingende Begegnung Pirchners und Rieglers im Jahr 1986 dokumentiert: mit Stücken wie „Rosenrot“, der Ende der 60er-Jahre komponierten Theatermusik zu „Schneeweißchen und Rosenrot“ entnommen, oder „The Carter“, das schon Teil des „Jazz-Zwio“-Repertoires gewesen war – wie auch Rieglers „Die grüne Gustav“, 1988 für das Plattendebüt von „Vienna Art Orchestra“-Trompeter Bumi Fian komponiert, das der Bassist damals musikalisch verantwortete. Rieglers Entschluss, die historischen Aufnahmen ausschnitthaft, in Gestalt der Solo-Vibrafon-Einleitungen Werner Pirchners, als Startrampen für zeitgenössisches Musizieren, damit als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu nüt¬zen, darf als symbolträchtiger Kunstgriff besonderer Art bezeichnet werden. Pirchner bereitet selbst den Boden, um dann dem Hier und Heute, der nachfolgenden Generation, das Feld zu überlassen - einem Robert Riegler, der am Octaver-gestützen Bass erneut wie ein Gitarrist klingt, sowie dessen unorthodox besetzter „Bass Doublings“-Band: mit Helge Hinteregger, der über Keyboard-gesteuerte Samples die musikalische Struktur bereichert und zugleich hintertreibt; mit Raphael Preuschl und Herbert Pirker, jungen, viel versprechenden Talenten aus dem Umfeld der Wiener Jazzwerkstatt, in etwa so alt, wie Robert Riegler war, als Pirchner ihn unter seine Fittiche nahm. Der knorrige Tiroler ist also mit im Spiel, wenn die Saat aufgeht, die er gesät hat. Den unkonventionellen Blüten, die daraus auf diesem Album hervorgehen, hätte Werner Pirchner wohl lächelnd gelauscht.

Andreas Felber