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Stephan Braun Trio

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The Raid

 

  

„The Raid“ – eine Trio-Platte wie ein Überraschungsangriff, entwaffnend vielfältig,
dank eines mit allen spieltechnischen und kompositorischen Wassern gewaschenen
Bandleaders. Der Cellist Stephan Braun, längst kein Newcomer mehr, klärt mit
diesem CD-Debüt unter eigenem Namen ein für alle Mal die Frage, was die wahre
Domäne des Violoncellos im Jazz ist: der Groove.

Vielfalt ist Programm bei „The Raid“ (dt. Razzia, Überfall), dem CD-Debüt des Stephan Braun Trios.
Latin-Rhythmen, Seventies-Grooves, urbaner Cool-Jazz, dazwischen sanfte Vocalisen und zum
Abschluss das Violoncello des Bandleaders auf Techno-Trip. Mit neun Eigenkompositionen steckt
Stephan Braun ein weites Stil-Terrain ab. Kraft seines spieltechnischen Erfindungsreichtums
positioniert er das Cello mühelos auf Augenhöhe mit den übliche(re)n Lead-Instrumenten des Jazz.
Alle drei Mitglieder des jungen Stephan Braun Trios führen ein Studium an einer deutschen Musikhochschule
im Lebenslauf. Doch das ist nur eine Facette ihres Werdegangs. Den 1979 in Warschau
geborenen Schlagzeuger Bodek Janke prägen seine polnisch-kasachisch-russischen Wurzeln. Dass
er das indische Tablaspiel lernte, mit internationalen Jazz-Größen zusammenarbeitete und nun in
New York lebt, trägt zum Bild einer schillernd vielseitigen Musikerpersönlichkeit bei. Ebenfalls
gebürtiger Pole ist der Pianist Matthäus Winnitzki. Dessen Liebe gehört der afrocubanischen Musik.
So ist der Wahlhamburger, mehrfacher Bandgründer und Labeleigner (brennt rekords) auch
vorwiegend in Latinjazz-Ensembles zu hören. Stephan Braun schließlich entschied sich inmitten
seines klassischen Studiums für eine Jazz-Ausbildung in Hamburg und Berlin, wobei seine
Beschäftigung mit Groove-Techniken auf dem Violoncello mit Diplom und Auszeichnung dekoriert
wurde. Der mehrfache Preisträger nationaler und internationaler Wettbewerbe machte sich bislang
einen Namen mit der Gruppe deep strings (Berliner „Jazz & Blues Award“ 2004), spielte mit der NDRBigband,
Annamateur und dem Kristjan Randalu Quartet.
„The Raid“ ist ein Bekenntnis zur ausgefeilten Jazz-Komposition abseits eingeschliffener „Thema-
Improvisation-Thema“-Strickmuster. Stephan Braun schöpfte beim Schreiben aus seiner Liebe zu und
gründlichen Kenntnis von Komponisten des Expressionismus und der klassischen Moderne: Igor
Stravinsky, Béla Bartók standen Pate für manchen verschachtelten Groove. Andererseits beruft der
Cellist sich auf Vorbilder wie den Geiger Didier Lockwood und den Pianisten Gonzalo Rubalcaba,
weiß er auch die Qualitäten des Jazz-affinen Pop-Superstars Sting zu schätzen.
Das Kunststück, diese immense Bandbreite schlüssig zu einem CD-Konzept zu destillieren, ist auch
ein Verdienst der Gäste. Gerard Presencer, vom Londoner Wunderkind zum Jazz-Professor gereifter
Stargast auf „The Raid“, steuert beseelt makellose Trompeten- und Flügelhorntöne bei. Anne-Christin
Schwarz, im Ensemble deep strings Brauns kongeniale Partnerin, rückt die Vokal-Tracks mit sanftem
Timbre in unwiderstehliches Chanson-Zwielicht.
Die CD beginnt energiegeladen mit dem titelgebenden „The Raid“. Bei „Incity“ folgen intimere Töne,
durch Matthäus Winnitzkis geschmeidiges Rhodes-Spiel cool eingefärbt. Dann ein Ortswechsel: „En
Passant“ ist eine von Vokal- und Flügelhornsoli geprägte Ballade, Norah Jones meets Sting, bei der
sich Stephan Braun als kompetenter „Gitarrist“ auf seinem Cello empfiehlt. Bei „3onysos“ sind die
Triomitglieder wieder unter sich. Das sachlich-intellektuell anhebende Stück birgt orgiastische Soli von
Bodek Janke und Matthäus Winnitzki. In „Memento“ kreist Stephan Brauns Spiel um Themen aus
Beethovens letzter Cellosonate, wozu seine Mitspieler leise Latin-Akzente beisteuern, die sich im
folgenden „Floating“ zu einer veritablen Samba-Nummer auswachsen. Hier tauscht Braun des Cello
gegen einen selbstgebauten „Cellobass“, einen elektrifizierten Hybrid mit E-Bass-Saiten und auf
Cellomensur gekürztem Kontrabass-Griffbrett. In einer funky Hommage an Berlin hört man die
Bahnlinie „S1“ durch die schillernde Großstadt eilen. Es folgt das nachdenkliche, traumartige „No
Tomorrow“, und schließlich „Exodos“, ein kurzer, dichter Rausschmeißer, ein wilder Ritt auf einem
Techno-Puls.
Wie sprach die Bass-Legende Ray Brown über das Cello? „Es ermöglicht, raffiniert und schnell zu
gestalten.“ Nach dem Hören von „The Raid“ verbietet sich jeder Widerspruch.
Text: Michael Vrzal